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Author: دکتر سوسن صفاوردی

Iran: Frauenunterdrückung Fehlanzeige

Iran: Frauenunterdrückung Fehlanzeige

Die Frau im Iran ist ein geknechtetes Wesen, das sich den ganzen Tag im heißen und unbequemen Tschador herumschleppen muss, haben uns Menschenrechtsorganisationen und Qualitätsmedien beigebracht. Und fast sieht es so aus, als müsste man schon allein zur Befreiung der Frau Krieg gegen den Iran führen. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus – beunruhigend anders, meint Gerhard Wisnewski im 2. Teil der Serie über seine Iranreise.

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Glaubt man so genannten »Menschenrechtsorganisationen«, ist es um die Menschenrechte im Iran schlecht bestellt: »Gewaltanwendung, Repression und Terror sind für die Fundamentalisten im Iran unverzichtbare Instrumente, um sich an der Macht zu halten. Deshalb verneinen sie die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte und halten sich nicht an die internationalen

Menschenrechtsabkommen«, heißt es beispielsweise auf der Webseite des deutschen »Menschenrechtsvereins für Migranten e.V.«. Besonders schlimm sind demnach die Frauen dran: »Die Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen ist für das Teheraner Regime eines der wichtigsten Mittel zur Machterhaltung. Die Frauen gelten im Iran nach dem Gesetz und in der Praxis als Menschen zweiter Klasse. Folglich sind schwerste Menschenrechtsverletzungen an Frauen an der Tagesordnung.« Frauen und Mädchen treffe »die ganze Härte der zutiefst frauenfeindlichen Gesetze der Fundamentalisten«.

 

Nur knapp über dem Vieh angesiedelt?

Glaubt man dieser und anderen Organisationen und Medien, scheint die Frau im Iran nur knapp über dem Vieh angesiedelt zu sein – was einen freilich bereits misstrauisch stimmen müsste. Denn welche (Männer-) Gesellschaft könnte ernsthaft gegen die Frau existieren? Aber egal: Wir sind hier, um uns selbst ein Bild zu machen. Und das, was wir am 23. April 2012 in Teheran erleben, will zum Bild der unterdrückten Frau im Iran so gar nicht passen. Wir sind zu Gast im »Zentrum für Frauen- und Familienfragen des Präsidenten«, wo wir die Frauenbeauftragte von Mahmud Ahmadinedschad treffen. Wobei die meisten von uns bisher nicht einmal wussten, dass der iranische Präsident überhaupt eine Frauenbeauftragte hat. Aber vor uns sitzt im schwarzen Tschador die Frauenbeauftragte von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Marjam Laridschani, und hält einen Vortrag. Hinter ihr hat eine junge Mitarbeiterin Platz genommen und übersetzt. Neben Laridschani sitzt Sousan Safaverdi, eine bekannte iranische Intellektuelle, die perfekt deutsch spricht und gelegentlich bei der Übersetzung hilft.

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Wie in einem Frauenladen in Kreuzberg

Bei dem, was die Frauenbeauftragte Laridschani zum Besten gibt, kann es einem als Mann ganz schwindlig werden. Offenbar haben Laridschani und andere Frauenrechtlerinnen bereits gute Arbeit geleistet. Etwa eine Stunde lang fliegen uns jede Menge Zahlen und Initiativen um die Ohren, so dass man glauben könnte, sich in einem Frauenladen in Berlin-Kreuzberg zu befinden. Die hauseigenen Broschüren über Frauenfragen gibt es auf Englisch, so dass man am internationalen Frauen-Diskurs teilnehmen kann. Laridschani redet im besten UNO– und Gender-Mainstreaming-Jargon. Das Zentrum für Frauen- und Familienfragen hat demnach offenbar längst die »General Global View« in Frauenfragen übernommen, das heißt also jene Einstellung, der zufolge die Frau qua ihres Geschlechts per se qualifiziert, hilfreich und gut ist, egal um welchen Job es sich handelt. Auch im Iran sind Frauen nicht nur laut Verfassung gleichberechtigt, sondern werden vermehrt in gesellschaftliche und politische Positionen gelockt. 30 Prozent der Frauen sind erwerbstätig, ein Viertel des akademischen Personals ist bereits weiblich. Mit dem »Gender Empowerment Measure« ist man im Frauenzentrum ebenso vertraut wie mit dem »Entwicklungsreport« der Vereinten Nationen. Glaubt man Laridschani, steigt die gesellschaftliche und politische Beteiligung von Frauen im Iran überall steil an. Die Zahl der weiblichen Parlamentskandidaten habe sich seit den Anfängen des islamischen Staats bis heute von drei auf fast zehn Prozent erhöht, die der weiblichen Parlamentsabgeordneten auf derzeit etwa acht Prozent. Was von einer Parität zwar noch weit entfernt ist – der Trend ist aber unverkennbar. Die Zahl der Frauen in den ländlichen und städtischen Islamischen Räten (also Kommunalparlamenten) sei zwischen 1997 und 2003 um 80 Prozent gestiegen.

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Die Frau ist einfach »in«

Kurz: Anders als westliche Medien glauben machen wollen, ist die Frau auch im Iran einfach »in«. Laut Verfassung genießt »jedes Mitglied des Volkes, ungeachtet ob Frau oder Mann« ohnehin gleichermaßen den Schutz des Gesetzes: »Der Staat ist verpflichtet, die Rechte der Frauen auf allen Ebenen unter Berücksichtigung der islamischen Prinzipien zu gewährleisten«. Zu den »islamischen Prinzipien« gehört beispielsweise die Kleiderordnung. Offenbar hat sich die Gleichberechtigung auch hier längst in einen Trend zur Bevorzugung und Verherrlichung der Frau verwandelt. Ganz selbstverständlich ist das Geschlechtsmerkmal »weiblich« auch im Iran zum Qualifikationsmerkmal geworden – in etwa wie ein zusätzlicher Doktorgrad, von dem Männer ausgeschlossen werden. Während der Iran von außen als stures und abgeschottetes System erscheint, hat die Globalisierung zumindest in Sachen »Frauenemanzipation« einen Fuß in der Tür und hat sich das Land dem globalen Dogma, demzufolge die Frau zu verherrlichen und in die Berufswelt zu drängen ist, angeschlossen – was langfristig zwangsläufig zur Auflösung der islamischen Gesellschaft und der islamischen Prinzipien führen muss. Der Tschador ist das beste Beispiel. Da diese traditionelle Frauenkleidung kaum als Berufskleidung geeignet ist, tragen berufstätige Frauen wie Stewardessen oder Hotel-Hostessen nur noch einen Kurzmantel (»Manto«) mit Hosen sowie eine Art Schal (»Hidschab«) und eine  Kopfbedeckung.

Sousan Safaverdi

Kind und Familie als Störfaktoren?

Auch hier werden also die zersetzenden Spannungen dieser »Emanzipations«-Politik deutlich, die in Wirklichkeit eine Politik ist, die Männer diskriminiert. Auch im Iran wird die Bevorzugung der Frau langfristig in ein Konkurrenzverhältnis zur staatlich eigentlich geförderten Familie treten. Schon macht man sich auch hier Gedanken, wie Familie und Beruf »unter einen Hut« zu bringen seien und wie man »Erziehungsjahre« auf Studium und Altersversorgung anrechnen kann, damit Geburt und Erziehung eines Kindes »keine verlorene Zeit« sind. Mit Begriffen wie diesem hat die westliche Ideologie klammheimlich Einzug gehalten, nach der Kind und Familie im Arbeitsprozess nur noch Störfaktoren und lästiger Ballast sind.

 

Aber halt – bestimmt sind wir nur auf eine Propagandaveranstaltung hereingefallen, bei der sich das »Regime« alle Mühe gegeben hat, »modern« und »aufgeklärt« zu erscheinen. Allerdings haben wir ja Ohren, um zu hören, und Augen, um zu sehen. Wo wir auch hinkommen, erscheint uns die Frau – zumindest in den Städten –  keineswegs unterdrückt. Besonders deutlich wird das ein paar Tage später bei einer Führung durch die hochmoderne Nationalbibliothek des Iran. Die Computerarbeitsplätze sind hier nach Geschlecht getrennt. Und während die »Frauencomputer« bis auf den letzten Platz besetzt sind, tummeln sich bei den Männern nur drei oder vier verlorene Gestalten. 80 bis 90 Prozent der Bibliotheksbesucher sind Frauen, wobei man uns versichert, dass dies nur an der Tageszeit liege. Abends seien mehr Männer als Frauen da – was mich zu der Frage verleitet, wie viel Prozent der registrierten Benutzer denn nun Frauen seien: Die Antwort: »۶۰ Prozent«. Und das ist zufällig genau der Anteil der Frauen an den 3,8 Millionen Studierenden im Iran…